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Public Shaming – Wie ein Tweet dein Leben zerstört und alle mitmachen

Das Internet und soziale Netzwerke im Speziellen haben uns eine Stimme gegeben, die vorher nur schwer zu hören war. Wenn uns etwas gefällt oder stört, können wir dem Verlangen nachgehen, unserer Freude, Kritik oder Wut direkt Ausdruck zu verleihen. Dabei bringt die Infrastruktur sozialer Netzwerke immer auch den Aspekt der Selbstaufschaukelung mit sich. So erleben wir, dass ein einfacher Post im Netz plötzlich unfassbare Macht erlangen kann.

Herrscht enormer Konsens oder aber Disput über ein Thema, dann wird sich dieses Thema erheben, mehr und mehr Aufmerksamkeit generieren und gleichzeitig immer mehr aufschaukeln – es geht sozusagen viral. Das können stupide Katzenvideos sein, die Ice Bucket Challenge, aber auch Geschichten wie SOPA oder PIPA. Diese Selbstaufschaukelung ist gut, um beispielsweise auf Probleme hinzuweisen und diesen durch die Partizipation anderer mehr und mehr Gehör zu verschaffen. Allerdings kann dieser Schuss auch nach hinten losgehen.

Der Fall Justine Sacco

Genau darum dreht sich der TED-Talk von Jon Ronson, in dem er die Schattenseiten dieser Selbstaufschaukelung darstellt und zeigt, wie Individuen an den Pranger gestellt und Existenzen zerstört werden können. In seinem großartigen Vortrag befasst er sich größtenteils mit der Anatomie des Vorfalls rund um Justine Sacco. Diese hatte Ende des Jahres 2013 ein wenig in ihrer Sarkasmus-Truhe gewühlt und folgenden Kommentar getwittert:

Ziemlich guter Gag. Hätte auch direkt von Ricky Gervais kommen können und alle hätten geprustet, gelacht und ihm auf die Schulter geklopft. Leider trug Justine Sacco kein „Ich bin ein Comedian“-Schild um den Hals und leider war sie zu diesem Zeitpunkt für die PR-Aktivitäten der Inter Active Corp zuständig. Nach dem Post stieg sie in ihren Flieger und flog nach Afrika. 11 Stunden später landete sie in Cape Town, wo ihre Existenz quasi bereits ausradiert worden war. Was folgte waren der Verlust ihres Jobs und Reputation, Depressionen und ein wütender Internet-Mob, der Justine für diesen Kommentar am liebsten aufgeknüpft hätte.

Der Social Justice Warrior

Im Video werden die Geschehnisse systematisch offengelegt und kritisch hinterfragt. Besonders im Mittelpunkt steht dabei der wütende Mob der Social Justice Warrior, die gerne im Konsens mitschwimmen und ordentlich draufhauen, nur um ihre öffentliche Reputation zu steigern. Dabei schießen sie allerdings oftmals über das Ziel hinaus.

Gerade im Moment ist das Thema besonders brisant, da wir ähnliche Vorkommnisse auch im Zusammenhang mit der aktuellen Flüchtlingsdiskussion beobachten können. Dabei geht es gar nicht darum, sich zu Wort zu melden, zu kritisieren, andere auf falsches Verhalten aufmerksam zu machen oder um wahr und falsch. Vielmehr ist es der Ton, der eine besorgniserregende Entwicklung annimmt und schlussendlich sogar in realen Konsequenzen münden kann.

Ein bisschen mehr Anstand für die Zukunft

Schlussendlich soll an dieser Stelle einfach ein bisschen mehr Reflexion und Anstand gepredigt werden. Jeder Mensch macht mal Fehler, drückt sich ungeschickt aus, bezieht sich auf falsche Informationen oder ist einfach nur richtig schlecht aufgeklärt. Es sollte jedenfalls keine Option sein, ihm deshalb jegliche Rechte abzusprechen und ihn für Freiwild zu erklären – so gut sich das im ersten Moment auch anfühlen mag.

Seid deshalb einfach mal wieder ein bisschen menschlicher miteinander. Natürlich unterscheiden sich thematische Rahmenbedingungen und sicherlich muss beim ein oder anderen Diskurs auch härter durchgegriffen werden. Allerdings sollte man doch einen Diskurs führen. Blindlings verbal auf irgendjemanden einzudreschen hilft am Ende jedenfalls niemandem weiter. So und jetzt zieht euch diesen wahnsinnig guten Ted Talk von Jon Ronson rein. Ist ein richtig gutes Ding!

(youtube via ted)

kragl

feinundknusprig.de

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